Die Kontroverse Grass
23. August 2006, 20:31 von Live-Blogger
Und wieder kommen die Podiumsteilnehmer von Heine und Handke zu Günter Grass. Oskar Negt mahnt die Verantwortung des Schriftstellers an und fragt, inwieweit der Schriftsteller und Philosoph zur Wahrheit verpflichtet sei, wenn er öffentlich tätig ist. In Bezug auf Grass und seine Vergangenheit lobt Negt Günter Grass, dass er sich freiwillig zu dieser Äußerung entschieden habe und um ihn herum wohl nur “schlechte Biographen” am Werk waren.
Die Autorin Juli Zeh verurteilt Grass weder deshalb, was er mit 17 gemacht hat, oder wie er sich in den 60er und 70er-Jahren verhalten hat. Sie verurteilt jedoch die Hysterie, die momentan herrscht. Ihrer Meinung nach brauche sich Grass jedoch darüber nicht wundern.
Den Kardinalsfehler sieht Herr Villms darin, dass Grass in einem Interview darauf aufmerksam gemacht hat, dass er bei der Waffen-SS war.
Klaus Staeck äußert sich zynisch zur “Kontroverse Grass”: Es war fantastisch! Als Freund von Günter Grass könne er es ihm aber auch persönlich übel nehmen, nicht früher von diesem Geheimnis in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Wer in der Öffentlichkeit andere zur “Unperson” mache, müsse es auch in Kauf nehmen und aushalten können, selbst von anderen zur “Unperson” gemacht zu werden: “Wenn ich eingeseift werde, muss ich auch den Schaum aushalten.”
Herr Langhoff weist darauf hin, dass Grass nicht deshalb kritisiert wurde, dass er in der SS war, sondern, dass er es verschwiegen hat. Er stellt die These auf, dass er nur so “öffentlicher Künstler” werden konnte.

23. August 2006 um 21:22
Vorhang zu und alle Fragen offen…
Wenn ich schon die Forderung höre, Schriftsteller hätten Verantwortung… wenn die Schriftsteller das akzeptieren würden, dann hätten wir nur Schulbücher im Schrank, aber keinen frühen Brecht, keinen Heiner Müller, keinen Rimbaud, keinen Verlaine, keinen Hölderlin, keinen Schlegel, keinen Marquis de Sade.
Es kann an Grass nur einen einzigen Vorwurf geben: dass er sich für diesen Medienrummel hat inszenieren lassen.
Er hat doch viel früher schon gesagt, dass er bei dieser Truppe war, es steht in diesem vorliegenden Dokument der Amerikaner - es ist nur eben bislang nicht für wichtig genommen worden.
Zu recht. Er ist eingezogen worden, er hat keinen Schuss abgegeben… das ist eine einzige Medienblase, es rauscht wieder vor Aufgeregtheiten…
Handkes “proserbische” Haltung (er ist nicht proserbisch) zu diskutieren verbietet sich hier, weil die Runde und die Öffentlichkeit so weit entfernt sind davon, verstehen zu wollen, dass Handkes Versuch, Verstehen zu erbitten, nur scheitern kann.
Diese furchtbare political correctness hat in nur zwanzig Jahren jeglichen intellektuelle Diskurs in diesem Land erschlagen. Selbst in der Akademie der Künste ist offenbar nur noch Mainstream zu hören/lesen - na gut, was halt hier in diesem Blog notiert worden ist…